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2. Juni 2026 | Standpunkt

Unser bisheriges Paradigma zerbricht. Kann die sozial-ökologische Transformation eine Alternative sein?

In einer Gesprächsrunde wurde kürzlich gefragt, wer von uns Ökonomie studiert hat und wie die Studiengänge gestaltet waren. Ich habe von meinem Studium in Münster Anfang der 2000er Jahre erzählt. Mein Hauptfach war Politikwissenschaft, meine Nebenfächer waren Wirtschaftspolitik und Öffentliches Recht. Die Ökonomie war neoklassisch geprägt. Es gab Mikro- und Makroökonomie, volkswirtschaftliche Gesamtrechnung und etwas BWL. Umweltökonomie wurde als Wahlkurs von einem Lehrbeauftragten angeboten und war inhaltlich und institutionell deutlich vom Rest des Faches abgesetzt.

Mein zweites Studium, ein MBA in Sustainable Management an der von Hunter Lovins (Co-Autorin von „Natural Capitalism” mit Paul Hawken und Amory Lovins) mitgegründeten Hochschule in San Francisco, war anders. Hier wurde grenzenloses Wachstum als Zielgröße sowie die kostenlose Nutzung von Naturleistungen explizit hinterfragt.

Rückblickend blieben jedoch auch dort die neoklassischen Grundannahmen weitgehend bestehen. Mit Carbon Accounting, Social Entrepreneurship und ähnlichen Ansätzen haben wir versucht, das bestehende System grüner zu machen, ohne wirklich an seiner Basis zu rütteln.

Genau diese Spannung war der Grund, warum ich einen Text aus der aktuellen Fortbildung mit besonderem Interesse gelesen habe: den Aufsatz von Laybourn-Langton und Jacobs (2018) darüber, wie ökonomische Paradigmen funktionieren und wie sie wechseln. In meiner Arbeit merke ich immer häufiger, dass wir mit den aktuellen Modellen nicht weiterkommen.

Was ist ein Paradigma?

Laybourn-Langton und Jacobs greifen Thomas Kuhns Wissenschaftsphilosophie auf und übertragen das Paradigma-Konzept auf die Ökonomie. Ein ökonomisches Paradigma ist mehr als eine Theorie. Es ist ein Geflecht aus drei miteinander verwobenen Schichten. Eine ideelle Schicht, also Annahmen, Modelle und Konzepte. Eine institutionelle Schicht, also Hochschulen, Forschungseinrichtungen und internationale Organisationen. Und eine Policy-Schicht, also Regulierung, Gesetzgebung, Verteilungssysteme.

Über die Zeit werden diese Schichten so dicht miteinander verflochten, dass das Paradigma als Common Sense erscheint. Niemand muss es mehr verteidigen, weil es als selbstverständlich gilt. Genau das macht es so wirkmächtig und gleichzeitig so schwer austauschbar. Wer das Paradigma in Frage stellt, stellt damit gleichzeitig Karrieren, Lehrstühle, Förderlogiken, gesetzliche Architekturen und ganze Wirtschaftspolitik-Doktrinen in Frage.

Wie Paradigmen in die Krise geraten

In die Krise gerät ein Paradigma, wenn die Wirklichkeit immer weiter von dem abweicht, was es erklären und liefern sollte. Bei den klassisch-liberalen Theorien der Vorkriegszeit war das die Große Depression, deren Wucht die Selbstheilungskräfte der Märkte als Mythos entlarvte. Beim keynesianischen Nachkriegsparadigma war es die Stagflation der 1970er Jahre, in der gleichzeitig Inflation und Arbeitslosigkeit stiegen. Eine Kombination, für die das Modell keine Erklärung hatte.

Wenn ein Paradigma erschüttert wird, ohne dass eine ausgearbeitete Alternative bereitsteht, passiert eines von zweien. Entweder zementiert sich das alte Paradigma in autoritärerer Form, weil die Akteure auf das zurückgreifen, was sie kennen und kontrollieren. Oder es entsteht ein ideologisches Vakuum, das rückwärtsgewandte Kräfte besetzen. Beides sehen wir heute parallel.

Der entscheidende Punkt: Paradigmen werden geschaffen

Laybourn-Langton und Jacobs zeigen am Beispiel des Neoliberalismus, wie ein Paradigmenwechsel systematisch vorbereitet werden kann. Die Mont Pèlerin Society, 1947 von Friedrich August von Hayek, Ludwig von Mises, Milton Friedman und anderen gegründet, war eine organisierte Bewegung mit klarem strategischem Plan. Über Jahrzehnte hinweg wurden Ideen ausgearbeitet, akademische Institutionen und Think Tanks aufgebaut (Institute of Economic Affairs, Heritage Foundation, Cato Institute), Förderer mobilisiert, zweite und dritte Generationen von Wissenschaftler:innen, Berater:innen und Politiker:innen trainiert.

Als die Krise der 1970er kam, war diese Alternative ausgereift, anschlussfähig und institutionell verankert. Reagan, Thatcher und der Übergang zum Washington Consensus waren das Ergebnis von dreißig Jahren intellektueller und institutioneller Arbeit. Was im Rückblick wie eine politische Wende erscheint, war in Wahrheit der Moment, in dem ein gut vorbereitetes Paradigma in den Mainstream übergehen konnte.

Die zentrale Erkenntnis daraus: Paradigmen wechseln nicht durch das Gewicht der Evidenz und auch nicht durch guten Willen. Es müssen drei Bedingungen zusammenkommen. Eine Krise, die das Alte delegitimiert. Eine Alternative, die ausgearbeitet bereitliegt. Und eine Bewegung, die sie trägt, organisatorisch, finanziell und politisch.

Wo stehen wir heute?

Wir haben gleich mehrere Krisen. Klimakrise, Biodiversitätsverlust, geopolitische Verschiebungen und soziale Spaltung. Das neoliberale Paradigma der letzten vierzig Jahre kann darauf keine schlüssigen Antworten liefern, die innerhalb seiner eigenen Logik tragfähig wären. Die Frage ist, welche Alternative bereitliegt und wer sie trägt.

Im Moment beantworten vor allem rechte Kräfte diese Frage. Mit einer rückwärtsgewandten Erzählung von Abschottung, Schuldzuweisung und kultureller Restauration. Eine linke, soziale Alternative ist bislang weder ausgearbeitet noch institutionell verankert noch wird sie von einer organisierten Bewegung getragen, die mit der historischen Wirkmacht der Mont-Pèlerin-Gesellschaft vergleichbar wäre.

Was bedeutet das für die Nachhaltigkeit der Zukunft?

Genau in dieses Muster passt, was wir derzeit in der Nachhaltigkeitsdebatte erleben. John Elkington, einer der Mitbegründer der Nachhaltigkeitsdebatte, hat es kürzlich auf den Punkt gebracht: Die Ära der weichen, freiwilligen Nachhaltigkeit ist vorbei (Elkington 2026). Freiwillige Selbstverpflichtungen und Goodwill halten dem Druck der ökologischen und sozialen Krisen nicht stand. Was danach kommt, ist härter und muss aktiv aufgebaut werden – mit verbindlichen Regeln statt mit Appellen.

Im EU-Parlament passiert jedoch das Gegenteil eines geordneten Übergangs. Mit den Stimmen rechter Parteien und unter dem Label „Bürokratieabbau” werden Regelwerke wie die CSRD aktuell geschwächt. Dieses Verhalten kann als Paradigmenkrisen-Verhalten gesehen werden: Das alte Modell wird verteidigt, weil die politische Mehrheit fehlt, um eine Alternative auszuarbeiten. Die zugrundeliegenden Krisen verschwinden dadurch jedoch nicht. Klimawandel, Biodiversitätsverlust, höhere Lebensmittelpreise, Migrationsdruck und geopolitische Unsicherheit belasten politische und wirtschaftliche Systeme weiterhin.

Genau hier werden Laybourn-Langton und Jacobs sehr aktuell. Wenn das Nachhaltigkeitsparadigma neu aufgebaut werden muss – und vieles deutet darauf hin –, dann reicht es nicht aus, dafür Argumente und Studien zu sammeln. Beides ist reichlich vorhanden.

Was fehlt, sind die zweite und dritte Bedingung der Autoren: eine durchdachte, positive Alternative für eine nachhaltige und sozial gerechte Transformation sowie eine organisierte Bewegung, die diese Alternative trägt.

Daran zu arbeiten, ist die eigentliche Aufgabe für die nächsten Jahre.


Quellen

  • Laybourn-Langton, L. & Jacobs, M. (2018). Paradigm Shifts in Economic Theory and Policy. Intereconomics, 53(3), 113–118. doi.org/10.1007/s10272-018-0737-4
  • Elkington, J. (2026). The Soft Sustainability Era Is Over. Rewilding Markets (Substack), 18. Mai 2026. https://johnelkington.substack.com
  • Hawken, P., Lovins, A. & Lovins, L. H. (1999). Natural Capitalism: Creating the Next Industrial Revolution. Little, Brown and Company.
  • Kuhn, T. S. (1962). The Structure of Scientific Revolutions. University of Chicago Press.
Kathrin Jansen

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