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20. Mai 2026 | Biodiversität

Nature-based Solutions: Was sie sind, was sie nicht sind und was sie fĂĽr Unternehmen leisten

In meiner Arbeit mit Unternehmen ist mir ein Grundsatz besonders wichtig: ökologische und durch den Klimawandel verursachte Herausforderungen können nicht von ihren sozialen Ursachen getrennt werden, also von der Ungleichverteilung von Ressourcen, von (postkolonialen) Machtstrukturen und ihren Auswirkungen.

Wenn wir ökologische Probleme lösen wollen, muss die Lösung immer auch ihre sozialen Dimensionen mitdenken und die betroffenen Menschen einbeziehen.

Genau deshalb freue ich mich über ein Weiterbildungsprogramm, das ökologische und soziale Lösungen zusammen denkt: „Nature-based Solutions to Global Challenges" an der University of Oxford. In den nächsten Wochen teile ich, was ich daraus mitnehme. Den Anfang machen die Grundlagen: Was sind Nature-based Solutions, und was sind sie nicht?

Was sind Nature-based Solutions

Die meisten denken bei „Nature-based Solutions" (NbS) zuerst an Aufforstung und CO₂-Kompensation. Das ist nur ein Teil des Bildes, denn der Begriff ist seit einigen Jahren klar definiert.

Die UN-Umweltversammlung hat 2022 eine Definition verabschiedet:

„Nature-based solutions are actions to protect, conserve, restore, sustainably use and manage natural or modified terrestrial, freshwater, coastal and marine ecosystems, which address social, economic and environmental challenges effectively and adaptively, while simultaneously providing human well-being, ecosystem services, resilience and biodiversity benefits." — UN Environment Assembly, Resolution 5/5 (2022)

Gute NbS-Projekte verbinden ökologische und soziale Wirkung. Wie relevant das Thema geworden ist, zeigt der Mittelfluss: Laut UNEP State of Finance for Nature 2023 fließen jährlich rund 200 Milliarden US-Dollar in naturbasierte Lösungen weltweit.

Die vier Leitprinzipien: ein Filter fĂĽr gute NbS

Das Team um Prof. Nathalie Seddon (Oxford University) hat vier Leitprinzipien formuliert (Seddon et al. 2021, „Getting the message right on nature-based solutions to climate change", Global Change Biology 27(8)), die helfen NbS einzuordnen:

  1. NbS ergänzen die Reduktion fossiler Emissionen, sie ersetzen sie nicht. Wer auf Bäume setzt, statt Emissionen zu senken, nutzt das Konzept nicht so, wie es gedacht ist.
  2. NbS umfassen alle natürlichen Ökosysteme: Wälder, Wiesen, Moore, Mangroven, Seegras, Korallenriffe. Nicht nur Aufforstung. Manche der wirkungsvollsten NbS haben mit Bäumen wenig zu tun.
  3. NbS werden mit lokalen Gemeinschaften und indigenen Völkern umgesetzt, nicht über sie hinweg. Diese soziale Dimension ist mir besonders wichtig, deshalb widme ich ihr einen eigenen Beitrag.
  4. NbS bringen messbaren Nutzen für die Biodiversität. Eine Eukalyptus-Plantage ist eben kein Ökosystem.

Die Chance: NbS sind keine zusätzliche Aufgabe

Viele Sustainability-Teams haben gerade kaum Luft bzw. Unternehmen stecken in wirtschaftlich schwierigen Zeiten auch gezeichnet von großer Unsicherheit, geopolitischen Verwerfungen und Lieferkettenrisiken. Die gute Nachricht: NbS sind keine zusätzliche Aufgabe. Eine richtig aufgesetzte NbS-Strategie kann mehrere Anforderungen gleichzeitig bedienen und dabei Risiken in der Lieferkette minimieren.

Ein Beispiel: Eine NbS-Maßnahme, die Kakao-Lieferketten durch Agroforstsysteme stabilisiert, wirkt zugleich auf Klimarisiko (CO₂-Bindung, Mikroklima), Biodiversität (Bestäuber, Bodenfauna), Lieferkettenrisiko (Ernteausfälle) und auf soziale Sorgfaltspflichten (Prinzip 3).

Damit flieĂźen die positiven EinflĂĽsse direkt in die strategischen Themen und das Reporting und die Anforderungen aus CSRD, EUDR, LkSG und EmpCo lassen sich zusammen denken.

Dazu kommt eine regulatorische Sog-Wirkung. CSRD und der themenbezogene Standard ESRS E4 (Biodiversität und Ökosysteme) sind seit dem Berichtsjahr 2024 für die „Wave One“ Unternehmn anwendbar, die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR, Verordnung 2023/1115) gilt nach der jüngsten Verschiebung ab dem 30. Dezember 2026 für große und mittlere Marktteilnehmer, und das EU-Naturwiederherstellungsgesetz (Verordnung 2024/1991) ist seit August 2024 in Kraft.

NbS sind oft ökonomisch robuster als rein technische Lösungen. Bewässerungsanlagen, Hochwasserschutz und Hitzeschutz sind teuer und schaffen keine Nebeneffekte für Biodiversität oder lokale Gemeinschaften. Studien zeigen, dass NbS in vielen Fällen kosteneffizienter wirken, sofern sie langfristig angelegt sind.

Worauf es bei der Umsetzung ankommt

NbS sind wirkungsvoll, aber es gibt auch einige Punkte bei der EinfĂĽhrung und Umsetzung zu beachten:

  • Aufforstung am falschen Ort. Savannen, Heideflächen und Grasländer sind hochbiodivers. Sie aufzuforsten kann Biodiversität schädigen, lokal die WasserverfĂĽgbarkeit senken und den Klimanutzen teilweise aufheben. Der Reflex „mehr Bäume = mehr Klimaschutz" greift zu meistens zu kurz.
  • Programme ohne lokale Trägerschaft. NbS, die ohne kontinuierliche Einbindung der lokalen Akteure gestaltet werden, verlieren mit der Zeit ihre Wirkung. Permanenz ist die größte methodische Herausforderung, und sie entsteht nur durch eine wirkungsvolle lokale Verankerung. Wie wichtig und schwierig Payment-Systems sind, werde ich später noch zeigen.
  • Reiner COâ‚‚-Fokus. Wer eine NbS-Strategie ausschlieĂźlich nach COâ‚‚-Bindung bewertet, ĂĽbersieht Biodiversität, Wasser und soziale Wirkung und riskiert, dass Zielkonflikte erst später sichtbar werden.
  • Fehlende Messbarkeit. Ohne Wirkungsnachweis, auch biodiversitäts- und sozialseitig und nicht nur beim COâ‚‚, ist eine MaĂźnahme weder berichtsfähig noch ĂĽberzeugend.

Wie es weitergeht

In den nächsten Beiträgen vertiefe ich einzelne Aspekte. Als Nächstes nehme ich mir die soziale Dimension vor, also Prinzip 3, weil sie für die Wirksamkeit von NbS entscheidend ist und gleichzeitig eng mit den Sorgfaltspflichten aus LkSG und CSDDD verbunden ist.


Quellen

  • Seddon, N. et al. (2021): Getting the message right on nature-based solutions to climate change. Global Change Biology 27(8), 1518–1546. doi.org/10.1111/gcb.15513
  • UN-Umweltversammlung (2022): Resolution 5/5 „Nature-based solutions for supporting sustainable development". UNEP-Dokumentation
  • UNEP (2023): State of Finance for Nature 2023. https://unep.org/resources/state-finance-nature-2023
  • CSRD-Standards, themenbezogener Standard ESRS E4 (Biodiversität und Ă–kosysteme), anwendbar ab Berichtsjahr 2024 fĂĽr erste Wellen.
  • EU-Entwaldungsverordnung (EUDR), Verordnung (EU) 2023/1115, Anwendung ab 30. Dezember 2025 fĂĽr groĂźe Marktteilnehmer.
  • EU-Naturwiederherstellungsgesetz, Verordnung (EU) 2024/1991, in Kraft seit August 2024.
Kathrin Jansen

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