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28. Juni 2026 | Biodiversität
Welchen Wert hat die Natur?
Hinter fast jeder Debatte zu Nature-based Solutions, wie ich sie gerade in meinem Oxford-Kurs erlebe, steht diese scheinbar einfache Frage. Es ist genau die Frage, die Unternehmen heute mehr denn je beantworten mĂĽssen, weil ESRS E4, EUDR, LkSG und Naturkapital-Reporting jeweils einen unklaren Wertbegriff voraussetzen.
In der Praxis ringen drei Antworten miteinander. Sie schlieĂźen sich nicht aus, fĂĽhren aber zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen.
Die ökonomische Antwort: Natur als Kapital sichtbar machen
Prominent vertreten durch den Dasgupta Review (2021), eine umfassende Studie zur Ökonomie der Biodiversität, die von der britischen Regierung beauftragt wurde. Die Kernaussage:
Natur ist unser wichtigstes Kapital, aber wir bilanzieren sie wie etwas Kostenloses. Solange das so bleibt, optimieren wir die Wirtschaft systematisch gegen die eigene Grundlage.
Daraus folgen praktische Konsequenzen. Inclusive Wealth Accounting setzt Natur neben Sachkapital und Humankapital in volkswirtschaftliche Bilanzen. Natural Capital Accounting auf Unternehmensebene versucht, Ökosystemleistungen in monetären Größen abzubilden. Biodiversity Credits und Habitat Banking sind Versuche, Natur in Marktstrukturen übersetzbar zu machen.
Costanza und Kolleg:innen (2017) bezifferten den globalen Wert der Ă–kosystemleistungen in einer Studie auf rund 125 Billionen US-Dollar pro Jahr.
Die Stärke dieser Antwort liegt in ihrer Anschlussfähigkeit an Wirtschaft, Politik und Finanzsystem. Wer Natur in Bilanzen sichtbar macht, kann sie in Investmententscheidungen, Risikobewertungen und Subventionssystemen verankern. Genau das ist die Logik hinter NGFS, TNFD und dem aktuellen Schub bei Biodiversity Finance.
Die plurale Antwort: Natur trägt mehrere Wertdimensionen gleichzeitig
Vertreten unter anderem durch das IPBES Values Assessment (2022), das umfangreichste internationale wissenschaftliche Werk zur Bewertung von Natur. Die Kernaussage:
Natur trägt mehrere Wertdimensionen gleichzeitig, und keine davon ist verzichtbar.
IPBES unterscheidet instrumentale Werte (Natur ist nützlich für etwas anderes, z. B. Holz, Nahrung, Wasserregulation), intrinsische Werte (Natur hat einen Eigenwert, unabhängig von menschlicher Nutzung) und relationale Werte (Natur ist Teil einer Beziehung, einer Identität, einer Lebensform).
Indigene Wissenssysteme bringen Wertkategorien ein, die rein monetäre Modelle gar nicht abbilden können. Eine heilige Stätte, ein Flusslauf mit kultureller Bedeutung, ein Wald als Begräbnisstätte: All das hat einen Wert, der sich nicht in Dollar oder Credits ausdrücken lässt, der aber für die Akzeptanz und Wirksamkeit von Naturschutz-Maßnahmen entscheidend ist. Pascual und Kolleg:innen (2014) haben dazu empirisch gezeigt, dass Programme, die solche Wertdimensionen ignorieren, langfristig scheitern.
Die Stärke dieser Antwort liegt in ihrer Realitätsnähe. Sie erkennt an, dass Wert vor Ort entsteht und ausgehandelt wird, nicht in theoretischen Modellen. Und sie schützt davor, dass Bewertungs-Logiken aus dem Globalen Norden unreflektiert auf den Globalen Süden übertragen werden, wo viele NbS-Projekte umgesetzt werden.
Die methodische Antwort: Gar nicht so einfach
Am schärfsten formuliert von Mandle und Kolleg:innen (2021) in einer systematischen Analyse der Forschung zu Ökosystemleistungen. Die Kernaussage:
Selbst dort, wo wir Natur ökonomisch bewerten wollen, gelingt das nur selten sauber.
Nur etwa 13 Prozent der untersuchten Studien decken die volle Wirkungskette ab, vom Ort ĂĽber die Ă–kosystem-Funktion bis zum konkreten Wert fĂĽr identifizierbare Stakeholder. Distributive Aspekte (wer profitiert, wer zahlt) tauchen in nur 7 Prozent der Studien auf. Mediierende Faktoren wie Governance und Institutionen in rund 35 Prozent.
Wer auf Ökonomisierung als Lösung setzt, befindet sich auf einem methodisch fragilen Fundament. Wer aber die Methoden ignoriert und nur über grundlegende Werte spricht, kommt in der konkreten Bewertung von Wasser-, Boden- und Biodiversitäts-Risiken in der Lieferkette auch nicht weiter.
Das Dilemma der Vielfalt
Diese drei Antworten ergänzen sich. Sie sprechen über unterschiedliche Aspekte derselben Frage. Aber genau diese Vielfalt macht es so schwer, Natur konsequent zu schützen.
Solange wir Natur monetär nicht erfassen, optimieren wir gegen sie. Sobald wir sie monetär erfassen, reduzieren wir sie auf eine ihrer Dimensionen. Und wenn die Bewertung methodisch unsauber bleibt, untergräbt sie sich selbst. Genau aus dieser Spannung erklären sich viele aktuelle Konflikte. Biodiversity Credits werden gefeiert und kritisiert. Naturkapital-Accounting gilt als Fortschritt und als Risiko der Vermarktlichung.
Zu Recht drängen Indigene darauf, dass ihre Wertkategorien miteinfließen, während EU-Regulierungen vor allem den ökonomischen Antwortraum beeinflussen.
Was das fĂĽr Unternehmen praktisch bedeutet
Aus dieser Auseinandersetzung lassen sich drei konkrete Ansatzpunkte fĂĽr Unternehmen ableiten, die Natur in ihre Strategie integrieren wollen.
Erstens, den eigenen impliziten Wertbegriff sichtbar machen. Jede Wesentlichkeitsanalyse, jedes Lieferanten-Audit, jede NbS-Investitionsentscheidung enthält implizit eine Wert-Annahme. Wer sich klar macht, welche das ist, kann sie verteidigen, korrigieren oder erweitern.
Zweitens sollte die Pluralität der Stakeholder ernst genommen werden. Wenn sich Lieferanten in indigenen oder ländlichen Gemeinschaften befinden, sind ihre Wertvorstellungen kein Kommunikations-Add-on, sondern ein Wirksamkeitsfaktor. Dies gilt für Kakaoanbaugebiete in Westafrika ebenso wie für Wassereinzugsgebiete in Süddeutschland.
Drittens, die methodische Demut wahren. Wer in ESRS E4 oder TNFD-Reports Naturwerte angibt, sollte transparent machen, welche Wirkungskette berĂĽcksichtigt wurde und welche nicht. Auditfest ist eine Aussage erst, wenn die LĂĽcke benannt ist, nicht wenn sie versteckt wird.
Wie es weitergeht
Aus dieser Frage ergeben sich Folge-Fragen, die ich in den nächsten Beiträgen vertiefen werde. Wer entscheidet eigentlich, welche Werte zählen? Wer profitiert von welcher Bewertung? Und wie kommen wir zu einer Naturfinanzierung, die mehrere Wertdimensionen ernst nimmt?
Diese Fragen führen direkt in die Themen Governance und Justice (Was lösen Nature-based Solutions, und für wen?) und Biodiversity Finance (welche Mechanismen funktionieren, welche schaden). Beides sind Themen, an denen ich gerade auch im Oxford-Kurs arbeite und die ich in den nächsten Wochen aufgreife.
Quellen
- Dasgupta, P. (2021). The Economics of Biodiversity: The Dasgupta Review. HM Treasury, London.
- IPBES (2022). Methodological Assessment Report on the Diverse Values and Valuation of Nature of the Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services. Pascual, U., Balvanera, P., Christie, M. et al. (eds.). IPBES Secretariat, Bonn.
- Costanza, R., de Groot, R., Braat, L., Kubiszewski, I., Fioramonti, L., Sutton, P., Farber, S., Grasso, M. (2017). Twenty Years of Ecosystem Services: How Far Have We Come and How Far Do We Still Need to Go? Ecosystem Services, 28, 1–16.
- Pascual, U. et al. (2014). Social Equity Matters in Payments for Ecosystem Services. BioScience, 64(11), 1027–1036.
- Mandle, L., Shields-Estrada, A., Chaplin-Kramer, R., Mitchell, M. G. E., Bremer, L. L., Gourevitch, J. D., Hawthorne, P., Johnson, J. A., Robinson, B. E., Smith, J. R., Sonter, L. J., Verutes, G. M., Vogl, A. L., Daily, G. C., Ricketts, T. H. (2021). Increasing Decision Relevance of Ecosystem Service Science. Nature Sustainability, 4, 161–169.
